etNOW #96
»Die Branche muss agiler, schneller und flexibler sein als je zuvor«
Die Corona-Pandemie hat vielen Unternehmen - so auch Cordial - das Jubiläum "verhagelt". Nachdem nun endlich eine Lösung in greifbare Nähe zu rücken scheint: Wie plant Cordial in die Zukunft zu gehen?
Dies und vieles mehr im Interview mit Cordial-CEO François Rousies.
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Hand aufs Herz: Eine kleine Feier hat es doch bestimmt gegeben...

Nein - natürlich haben wir unser Jubiläum nicht gefeiert - nicht einmal intern, unter uns bei Cordial. Es wäre unangebracht gewesen. Zum einen aufgrund der geltenden Hygiene-Maßnahmen, zum anderen aber auch, weil der Blick auf die Kosten dieses Jahr situationsbedingt wie überall besonders im Fokus stand. Dabei hätten wir so viele Gründe zum Feiern gehabt...

Welche zum Beispiel?

Neben dem 25-jährigen Bestehen selbst gab es in den letzten Jahren viele kleine und große Ereignisse. Ich erinnere mich zum Beispiel gern an die Einführung unserer "Road-Serie" im Jahre 2008. Diese Kabelfamilie haben wir so robust konstruiert und verstärkt, dass selbst im rauesten Einsatz weiterhin pure Signale übertragen werden - ohne dabei Spuren von Tritten, rollenden Flight Cases usw. aufzuweisen. Der letzte große Schritt im Sommer 2018 war natürlich der Umzug in einen sehr großen nach unseren Vorstellungen neu erbauten und sogar noch erweiterbaren Gebäudekomplex.

Haben sich angesichts des vergangenen Jahres die Ziele des Unternehmens verändert?

Wie bei allen anderen Unternehmen in unserer Branche mussten wir ein verstärktes Augenmerk auf die Kosten haben. Aber wir haben nicht an der falschen Stelle gespart - eher umgekehrt: Unsere in den letzten Jahren stark gewachsene Online-Präsenz wurde aufgrund fehlender, aber für uns wichtiger Messen, Kongresse und persönlicher Besuche sogar noch erhöht. Zusätzlich haben wir noch weiter in Lagerkapazität investiert und das Kleinteilelager hinsichtlich der Größe verdoppelt. Außerdem haben wir mit unserem neuen Partner Hal Leonard den Grundstein für Cordial in den USA und Kanada gelegt. Darüber hinaus wurde in eine vierte Produktlinie investiert, die wir Anfang 2021 einführen werden. Wir haben in der Krise antizyklisch gehandelt und investiert.

Das klingt nicht nach Abwarten und Tee trinken.

In Krisenzeiten stecken viele den Kopf in den Sand und warten, bis der Sturm vorbei ist. Meiner Einschätzung nach kann es für solche Unternehmen sehr schwer werden, den Anschluss nicht zu verpassen. Für mich war eines von Anfang an klar: Wir wollten genau das Gegenteil machen und sehen unsere nach vorn gerichtete Vorgehensweise nach wie vor sehr positiv.

Wie wichtig sind aus Sicht von Cordial Fachverbände wie VPLT, ISDV & Co. oder Aktionen wie "Night Of Light" oder "Alarmstufe Rot"? Zudem wird kritisiert, dass die Branche nicht mit einer Stimme spricht, sondern dass sich zu viele Personen, ohne sich abzustimmen im Vordergrund positionieren, was zu Verwirrung bei allen Außenstehenden, also auch den Geldgebern der Politik führt? Ist das so? Wie könnte man das beheben?

Kundgebungen und Bewegungen wie "Night of Light" oder die vielfältigen Aktionen wie "Alarmstufe Rot", "Kultur verhungert" und "Ohne Kunst & Kultur wird's still" sind sehr hilfreich, um die desolate Situation der Branche deutlich zu machen. Das unterstützen wir natürlich voll und ganz.

Verbandlich habe ich mich schon sehr früh bei der SOMM (Society of Music Merchants, der größte deutsche Industrieverband der Hersteller und Händler von Musikinstrumenten und Musikequipment - Anmerkund d. Red.) engagiert und bin seit Jahren sogar im Vorstand. Unsere Branche ist zum Teil von sehr kleinen Betrieben besetzt. Ob Händler, Hersteller, Veranstalter oder Installationsfirmen.

Viele Anforderungen unserer Zeit können kaum noch von Einzelnen bewältigt werden, etwa Compliance mit DSGVO, Reach, ROHS, Produkthaftung oder neuerdings Anträge für Corona-Hilfen - um nur ein paar Themen zu erwähnen. Da hilft ein Verband wie die SOMM enorm. Ich würde mir wünschen, dass viel mehr Unternehmen sich Verbänden anschließen und auch dort ihren Beitrag leisten. Von den Ergebnissen der Verbandsarbeit profitieren letztendlich alle. Aber zur Vertretung unserer Branchen gegenüber der Politik in Berlin und in Brüssel - der berühmten Lobbyarbeit - brauchen wir Verbände. Ich begrüße aktuelle Allianzen und Kooperationen von Verbänden, um mit noch mehr Nachdruck mit einer Stimme zu sprechen.

Viele Unternehmen suchen sich zusätzlich alternative Beschäftigungsfelder, um drohende Verluste zumindest teilweise aufzufangen. Wie kreativ begegnet Cordial der Krise?

In den vergangenen neun Monaten habe ich sehr viel Respekt für Firmen entwickelt, die sich mit Einfallsreichtum andere, neue Kundenkreise aufgebaut und neue Betätigungsfelder eröffnet haben. Die Devise "Alles, bloß nicht abwarten und untergehen" verdient Wertschätzung und stimmt mich positiv für die Zukunft. Bei Cordial heißt es allerdings "Schuster bleib bei deinen Leisten". Wir werden uns dank unserer Stärken aus dieser Krise herausboxen. Aufgrund unserer Kompetenz in der Kabelentwicklung haben wir 2020 viele neue Kabel auf den Markt gebracht, vor allem im Bereich Datenkabel CAT 5, 6 und 7. Im Bereich der Kommunikation orientieren wir uns sehr zukunftsorientiert an den neuen Gegebenheiten

Zum Beispiel?

Ein erwähnenswertes Projekt ist hier der Aufbau eines komplett neuen Medienraums inklusive moderner Einrichtung und Equipment auf höchstem technischen Niveau für die Umsetzung einer optimalen Online Außenkommunikation. Dabei sind alle Szenarien denkbar, von Live-Streaming, Video- Interviews mit Experten vor Ort über Online-Workshops bis hin zu Webinaren. Hinzu kommt in Kürze ein eigener Händler- und Presse-Bereich auf unserer Website, da sind wir mit der Realisierung schon ziemlich weit.

Was waren/sind neben dem allgemeinen Auftragsrückgang die größten Schwierigkeiten dieser Tage? Gab es Lieferengpässe oder unerwartet drastische Preiserhöhungen oder...?

Die Probleme waren durchaus vielfältig. Auf der einen Seite gab es enorme Umsatzrückgänge im Bereich "Live-Sound", auf der anderen Seite stieg die Nachfrage nach anderen Kabeln deutlich. Dieser Umstand machte die Fertigungssteuerung umso schwieriger.

Frachten sind in diesen Tagen ein großes Thema. Alle Speditionen und Reedereien sind voll ausgebucht. Teilweise wurden Kapazitäten auf Eis gelegt, Schiffe in Trockendocks, und die Preise für Seecontainer haben sich Im Vergleich zu 2019 verdreifacht. Die Planungsunsicherheit ist meines Erachtens am schwierigsten für alle Unternehmen. Fragen wie "Welche Produkte laufen in sechs Monaten?", "Welche Kunden haben die Krise nicht überlebt?" oder "Gibt es endlich wieder Konzerte ab Frühling 2021?" sind derzeit schwer oder gar nicht zu beantworten. In der Folge müssen wir agiler, schneller und flexibler sein als je zuvor.

Welche Produkte haben sich im Rückblick als Renner herausgestellt, welche erleben einen Rückgang?

Vieles hat sich verschoben. Auf den ersten Blick werden Multicore Lautsprecherkabel mit dicken Querschnitten oder DMX Lichtsteuerungskabel, sogar Langstrecken CAT-Kabel zwar weniger gebraucht, wenn keine Events vor Publikum stattfinden, jedoch setzen Eventtechniker dieses Material verstärkt ein, um Broadcasting Projekte aus den Venues heraus auf die Bildschirme der Zuseher in den eigenen vier Wänden zu transportieren. Auch die viel diskutierten Autokino-Veranstaltungen waren in den Sommermonaten ein Abnehmer für solche Signalleitungen.

Des Weiteren gab und gibt es große Zuwächse bei den Aufnahme- und Homestudios, den privaten Proberäumen oder den Streaming-Anbindungen daheim. Viele Kunden haben das Musizieren als neues Hobby entdeckt oder wiederentdeckt und ersetzen jetzt ihr altes Equipment durch neues. Das alles hat uns in der Krise erheblich geholfen. Und somit passen wir die Fertigung und die Lagerbestände entsprechend an. Produkte werden aber nicht eingestellt, sondern stehen bereit, sobald Live-Musik wieder stattfinden darf.

Der Außendienst ist derzeit (noch) mehr ein Innendienst. Wie betreibt Cordial die Kundepflege (per Telefon, Zoom, mit Webinaren, über Mailings, Social Media Preisaktionen)?

Wir wollen - wo auch immer es möglich ist - mit unseren Partnern in Kontakt bleiben, und dabei ist auch weiterhin der Außendienst ein wichtiges Thema. Daher gab es unter Einhaltung aller Vorschriften auch in diesem Jahr Vor-Ort-Besuche, wenngleich auch deutlich weniger als vor der Pandemie. Aber sowohl im Inland als auch erst recht mit unseren internationalen Partnern und Distributoren finden Gespräche, Trainings und Maßnahmenplanung meistens mit allen zur Verfügung stehenden Tools online statt - und das funktioniert viel besser, als man es vor einem Jahr erwartet hätte. Viele Dinge funktionieren aber auch digital nicht ganz so gut wie "face to face". Wenn es um kreatives Brainstorming, spontane Diskussionen bei einem Treffen usw. geht, kommen digitale Plattformen schnell an ihre Grenzen. Wir freuen uns daher schon sehr auf das persönliche Wiedersehen mit unseren Kunden, Geschäftspartnern und Freunden.

Verständigt man sich "hinter den Kulissen" mit seinen Mitbewerbern, oder geht jeder seinen eigenen Weg?

Absprachen wie etwa in anderen Branchen gibt es bei uns nicht. Unser Motto lautet "Integrity", wir orientieren uns nicht am Wettbewerb, sondern an unseren Kunden. "Was wird gebraucht - technisch, preislich, logistisch?" - das ist die zentrale Frage und bleibt mit Blick auf die Technologie-Entwicklungen des Marktes immer unser Focus. Das hat uns erfolgreich gemacht, und das werden wir daher sicher nicht ändern.

Interview erschienen in: etNOW #96 (Dezember 2020/Januar 2021)